Schlagwort-Archive: Vom Schreiben

Liebe Frau Groenewold

wenn Ihnen schon dieser Satz

“Die von den Lüftungsschächten der Klimaanlage aufgewirbelten Staubpartikel und Sakkoflusen tanzen besoffen in der schräggeschäfteten Sonnensäule, und die Luft über dem Tisch gleicht dem durchsprühten Raum über einem frisch eingeschenkten Mineralwasser.”

zu kompliziert ist, sprachmächtig erscheint und Sie – so lese ich Ihr Fazit – überfordert, bitte ich Sie inständigst, in Zukunft aus gesundheitlichen Gründen die besseren Poetry Slams und Lesebühnen dieses Landes zu meiden. Ihr Kopf könnte platzen. Die dortige Dichte solcher Sätze ist atemberaubend.

Augenzwinkernd,

Ihr Mischa-Sarim Vérollet

P.S.: Was die Relevanz des Buches und des Projekts betrifft bin ich aber ganz bei Ihnen.

P.S.: Eine aufmerksame Leserin machte mich drauf aufmerksam, dass ich Ihren Namen falsch geschrieben hatte. Asche auf mein Haupt. Sie dürfen jetzt auch mal meinen Namen falsch schreiben, als Wiedergutmachung.

Verbrennt mehr Kindles

Hätte ich auch nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich sag’s: Bin ganz dem Lance seiner Meinung. So isses! Bin ja früher, als der Michi noch fuhr, jeden Sonntag aufgestanden, um Formel 1 zu gucken. Den Michi, den mochte ich als Fahrer. Im Gegensatz zu diesem ganzen verwöhnten jungen Fahrergemüse von heute. Der Michi, das war noch ein Fahrer. Sprich: Ich hab jetzt Sonntags wieder was vor. Wenn ich nicht schon was vor habe.

Am Mittwoch feierte Bielefelds gesammeltes Autorenkartell bei unserem Lieblings-Griechen (im Sinne von Grieche, nicht griechisches Restaurant) die erste große Lesebühnensause. Nach jahrelanger Feindschaft und unzähligen Toten ein bewegender Augenblick. Sacha Brohm lässt den Abend Revue passieren und enthüllt, dass Lampe genauso knapp einer Katastrophe entgangen ist wie die Menschen gestern abend in der Dunlopstraße in Bielefeld-Sennestadt.

Tja, und heute abend geht der Spaß genauso munter weiter. Junge Menschen lesen irgendwo im Wald. Ausgerechnet ich, der ja die Natur eher so ein bisschen hasst. Aber nun gut. Brackwede soll’s sein.

Abschließend noch was zur Überschrift. An alle Überschriften-schnell-scannen-kurz-trollen-und-wieder-weiter-surfer: Da steht nicht Kinder! Kindle steht da. Das ist dieses satanische Teufelszeug. Ich hasse E-Books! Sie sind der Untergang des Abendlandes, und zwar immer zwei Mal mehr als Lady Gaga. Ich bin da total anderer Meinung als zum Beispiel der Marc (dessen Blog ich aber um Gottes Willen nicht deshalb boykottiere, sondern erst seitdem er ohne jegliche Vorwarnung auf seiner Startseite Spinnencontent hatte. Ich zittere immer noch). Wo war ich. Ach ja. Ich hasse E-Books. Da fehlt mir die Haptik, die Athmosphäre. Ich liebe es, Menschen zu besuchen, sie pauschal vorab zu hassen, um sie dann nach einem Blick auf einen prall gefüllten Bücherschrank wieder lieb zu gewinnen. Ein Buch gehört auf Papier und in einen Umschlag. Wenn ich mir nur mal so als Beispiel Foers zeitloses Meisterwerk als E-Book vorstelle kotze ich meinem Mitbewohner heute abend noch ins Zimmer. Furchtbar. Und dann diese Argumente. Toll, jetzt braucht man keine tonnenschweren Bücher mehr zur Uni / Schule / Gerichtstermin schleppen. An die bald arbeitslosen Mitarbeiter von Amigo, Scott und 4You denkt wieder niemand.

E-Books sind keine Bücher. Insofern darf ich – um mal einen Zusammenhang herzustellen – mit einem Seufzer verkünden, dass es mein Buch “Das Leben ist keine Waldorfschule” demnächst als kein Buch, sprich: E-Book, gibt. Zum Glück aber auch noch in Echt. So zum inne Hand nehmen. Glaub aber ohnehin nicht, dass irgendjemand mein E-Bxxxxxxxxk kauft. Falls sich die E-Bxxxxxk-Fassung aber tatsächlich wider Erwarten mehr als 70 mal verkaufen sollte (was knapp unter 1 % der Gesamtverkaufssumme meines Buches entspräche), bin ich gern Hure. Whatever.

Die Zeit vergeht

Und ich habe hier schon ewig nix mehr gebloggt. War aber auch stressig zuletzt. Die letzten zwei Monate waren beinahe ausschließlich einem hauptberuflichen Projekt gewidmet, wurden aber immer wieder durch gar wundbare Momente unterbrochen. Ich werd jetzt mal versuchen, in aller Kürze die Live-Events und erwähnenswerten Buch-Momente der letzten Wochen zu rekapitulieren.

4. Juni 2009 – LMBN, Dortmund

So darf man wohl in die Sommerpause gehen. Wieder mal volles Haus und mit Andy Weber einen sehr geschätzten langjährigen Bühnenkollegen als Gast am Start. Man, man, man, war das ein schönes erstes LMBN-Halbjahr. Im September geht’s weiter, und wir freuen uns drauf.

18. Juni 2009 – Buchnacht des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Kulturbrauerei, Berlin

Irgendwie scheint es sich einzubürgern, dass die DB sich immer dann was besonderes ausdenkt, wenn ich die gemütlichste Fahrstrecke überhaupt (Bielefeld – Berlin, ICE, 2 h 50 min) vor mir habe. Aber während sie am 16. Mai noch nicht mal etwas dafür konnte, zauberte sie an jenem Donnerstag eine Verspätungsbegründung aus dem Hut, die wirklich alle bisherigen Vögel abschoss und die ich euch gern mal in privater Runde erzähle. War aber kein Problem, da Flixi und ich erst um 0:45 Uhr dran waren. Und das war für viele Zuschauer eindeutig zu spät. Dennoch eine tolle Veranstaltung, Katha vom Börsenverein ist eine hervorragende Gastgeberin, und dank Bier im VIP-Zelt duze ich jetzt den einen von zwei Carlsen-Verlagschefs.

19. Juni 2009 – Highlander-Slam, Zentrum Altenberg, Oberhausen

Auf nach Oberhausen hieß es nach einem gemeinsamen Arbeitsmorgen und Mittagessen mitm geschätzten Flix. Doch auf dem Weg dahin sollte ich noch einen sehr charmanten Zwischenstopp einlegen. Am Wasserturm in Gütersloh, dort, wo ich 2004 eine meiner ersten gemeinsamen Lesungen mit Micha-El Goehre und Eric Pfennig hatte, las ich zur Neueröffnung zwei Texte, um direkt danach wieder in den IC zu hüpfen und mich gen Oberhausen aufzumachen. Abends stieg dort die Stadtmeisterschaft. Lange Rede kurzer Sinn: Ich belegte Platz 2 hinter Andy Weber, und da dieser bereits anderweitig für den Slam 2009 in Düsseldorf qualifiziert ist habe ich die große Ehre, Oberhausen bei den Deutschen Meisterschaften zu vertreten.

20. Juni 2009 – Altonale, Kulturfest, Hamburg

Nach einer wunderbaren Aftershow mit Florian Cieslik und einem bizarren Frühstück in einem der bizarrsten Hotels ever ging es Richtung Norden. Um 17 Uhr sollte ich im Rahmen der Altonale in einem Linien-Bus lesen. Und was soll ich sagen? Eins der schönsten Lesungen ever! Ein pickepackevoller Linienbus (die standen bis vorn zur Frontscheibe), eine Stunde Fahrt, 45 Minuten davon Texterei, inkl. Zwischenstopp in Blankenese. Toll! Warum nicht öfter im Bus?! Abends war dann nach Stopp-Klock-Slam in der Kloppstockkirche (ich liebe die Hamburger, die hauen solche Gags raus, ohne mit der Wimper zu zucken). Sensationelle Athmo. Und wieder was dazugelernt: Wenn man selber auf der Kanzel keinen Hall hört, heißt das noch lange nicht, dass der Zuschauer keinen Hall hört. Und damit auch dich nicht. Wat willste machen.

27. Juni 2009 – Extraschicht, Poetry Slam-Showcase, Essen

Die Extraschicht ist eins dieser Riesen-Superduper-Kulturfestivals, mit denen im Ruhrgebiet Geld verbraten wird, das man sonst in öde Kindergärten stecken müsste. Frank Klötgen, Michi Ebeling, Andy Strauß, Wwalt Koslowsky und ich hatten die Ehre, die Farben des Poetry Slams in drei zwanzigminütigen Showcases vertreten zu dürfen. Und es gab tatsächlich Laufpublikum, das stehenblieb und zuhörte, welches sich aber nicht ganz gegen das eher anderen Dingen zugewandte Laufpublikum durchsetzen konnte. Was soll’s. Immerhin war es eine tolle Zughinfahrt mit Frank und Micha, und Andy und ich hatten die Gelegenheit, Open Air eins der fettesten Unwetter der letzten Zeit mitzuerleben.

28. Juni 2009 – Buchhandlung Lentner, München

Ich mag ja diese kleinen feinen Buchhandlungen, bei denen du merkst, dass die tatsächlich noch die Bücher lesen, die sie verkaufen. Das Buch-Café Lentner hatte mich eingeladen, und ich kam gern. Morgens am Bielefelder Hauptbahnhof großes Hallo, Marc Uwe Kling und Nils Heinrich auf dem Weg nach Hause von ihrem Zweischlingen-Auftritt, bis Hannover genug Gelegenheit bei Frischgepresstem im Bordbistro zu klönen. Abends in München dann ausverkaufte Buchhandlung und eine äußerst angenehme Lesung bei tropischen Temperaturen. Danke an Bumillo für den Support!

Tja, das war er, der Juni, in Sachen Lesungen. Schön war’s. Und im Juli geht’s munter weiter, aber dazu später mehr!

Portrait im Deutschlandradio

Gestern um 10.50 lief im Deutschlandradio lief ein nettes kleines Portrait über mich. Und was so Internet angeht, sind die ÖffRechtis ja fit: Der Stream ist bereits online und kann hier (hier direkt) abgerufen werden.

Er trägt eine dunkle Sonnenbrille und sieht unnahbar-cool aus, trotz seiner bunten Kapuzenjacke. Sein kräftiger Körperbau, die wilden langen Locken und der Vollbart geben dem 27-Jährigen etwas von einem Rocker.

Vor einem Jahr

Genau heute vor einem Jahr bestieg ich nichtsbösesahnend die Bühne des Bielefelder Tanztheaters Dans.Art und gab drei Texte zum Besten. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Im Publikum saß – clever von meinem Freund Ralph Ruthe arrangiert – ein Lektor des Carlsen Verlags. Das war der Anfang einer ziemlich abgefahrenen Zeit.

In den letzten zwölf Monaten habe ich einiges erlebt, von dem ich zwar oft geträumt, aber kaum zu hoffen gewagt hatte, es zu erleben. Ich habe ein Buch in einem der größten Verlage Deutschlands veröffentlicht, arbeite gerade am nächsten, welches auch dort veröffentlicht wird und toure munter mit großen Augen durch die Weltgeschichte, mich zwischen Buchmesse, Radio-Shows, Solo-Touren und Poetry Slams immer wieder kneifend. Das macht sehr viel Spaß und ist genau das, was ich immer wollte. Fürs Schreiben leben. Darüber hinaus habe ich dank dieses schicksalhaften Tags vor zwölf Monaten sehr viele tolle Menschen kennengelernt, von denen ich viele mittlerweile zu meinem Freundeskreis zählen darf, Menschen, mit denen man gern Zeit verbringt und von denen man sich inspirieren lässt. Das alles zählt tatsächlich viel mehr als die Tantiemen, die solch ein Buch mit sich bringt, das ist es schließlich, was bleibt (womit Silbermonds Frage auch beantwortet wäre, da muss man doch nicht extra einen Schlager draus machen, frag doch mich).

Apropos heute vor einem Jahr: Morgen vor 150 Jahren starb Alexander von Humboldt und ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um noch mal auf das großartige Buch von Daniel Kehlmann hinzuweisen. Kein anderes Buch habe ich so oft und so gern verschlungen wie dieses und auch wenn ich mich wiederhole: Ich halte “Die Vermessung der Welt” für das Beste, was die deutsche Sprache seit Langem hervorgebracht hat. Kaufen! Lesen! Freuen!

Für Prokrastinierer wie mich…

…genau das richtige Tool: Write oder Die!

Schreiben, Schreiben, Schreiben. Einfach irgendwas hinschreiben. So lange, bis der Beitrag fertig ist. Und dabei keine Pausen machen. Im “Gentle Mode” zeigt das Schreibehelfertool “Write or Die” nur ein lästiges Mahn-Popup an, wenn man nicht weiterschreibt. Im “Normal Mode” erzeugt es in den Schreibpausen grässliche Geräusche, und im “Kamikaze Mode” wird der bereits entstandene Text Wort für Wort wieder gelöscht. Das darf nicht passieren.

Darauf hat die Welt des Mischa gewartet. Ab sofort wird nicht mehr prokrastiniert. Moment, erst check ich noch schnell meine E-Mails.

(via)